"Keen nich will dieken, de mutt wieken“ (Stedinger Deichrecht von 1424)

Koogmarschensiel hat mit den typischen Problemen eines Dorfes zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu tun. Globale Herausforderungen, wirtschaftliche Interessenkonflikte und neue Lebensentwürfe treffen im kleinen Koogmarschensiel aufeinander und prägen die zwischenmenschlichen Beziehungen. Was wiegt wichtiger – Arten- und Landschaftsschutz, Arbeitsplätze, Traditionen, volle Kassen?

Klimaprognosen, Erfahrungswissen und Glaubenssätze fordern eine Debatte heraus, die die persönlichen Beziehungen der Dorfbewohner auf die Probe stellen. 

Benötigt die Bevölkerung riesige Deichbauwerke, die das Wattenmeer beschädigen können?

Die Schimmelreiterin ist nach der Idee von Lars Scheffel gemeinsam mit zwei weiteren Autoren und Komponisten Jan-Friedrich Conrad und Enno Johanssen unter der Regie von Claudia Piehl im Rahmen der Musical-Werkstatt von MASH! - der Musical-Academy Schleswig-Holstein in Rendsburg entstanden. 

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Storms literarische Vorlage und

Wissenswertes über Deiche, Sturmflut, Springtide und die Gezeiten

 

Als Lars Scheffel im Rahmen einer Zusammenkunft in der Musical Academy Schleswig-Holstein (M.A.S.H.) seine Idee für eine moderne Adaption des Schimmelreiter-Stoffes vorstellte, waren Claudia Piehl und ich sofort überzeugt: Das ist ein frappierend aktueller Stoff. Als Norddeutsche kennen wir natürlich den Stoff seit unserer Kindheit: Da ist der Hauke-Haien-Koog als Vogelparadies hinterm Deich, wenn man von Dagebüll aus nach Föhr oder Amrum übersetzt, und dieser Koog wurde ausgehoben, um uns vor der wütenden Nordsee zu beschützen, die sich das Land einverleibt, wenn die Flut, ein Sturm und möglicherweise noch eine Springtide sich zu einer Sturmflut aufaddieren. Im Zuge der Klimaerwärmung – ja, diese ist nachweislich menschengemacht – kommt noch ein weiterer bedrohlicher Faktor hinzu: Ein weltweit steigender Meeresspiegel, bedingt durch das Abschmelzen von Polar-Eiskappen und Gletschern.

Und dieser fiktive Hauke Haien, eine Figur des in Husum und Hanerau-Hademarschen beheimatet gewesenen Schriftstellers Theodor Storm, dieser Hauke Haien war als Underdog und Autodidakt der Wissenschaften am Aberglauben, der Realitätsverleugnung, am Konservatismus und am Geiz seiner Mitmenschen gescheitert. Er hatte ausgerechnet, wie gute Deiche gebaut werden müssen: Viel breiter im Querschnitt, viel flacher zum Meer hin, viel teurer, als es die Tradition vorgesehen hatte, müssten moderne Deiche sein. Der schwierige Charakter des selbstbewussten, aber im Umgang mit Menschen zuweilen ungeschickten Hauke Haien forderten bei der Verwirklichung des Deichbaus Kompromisse heraus, die letztlich in die Katastrophe führen würden. Der Stoff beruhte auf einer alten Sage, die gar nicht in Nordfriesland, sondern an der Weichsel gespielt hatte. Storm kombinierte das fiktive Geschehen der Sage mit Elementen realer Charaktere auf, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts gelebt hatten, so dass wir uns vorstellen dürfen, die Geschichte des Schimmelreiters habe sich in den 1750er Jahren abgespielt. Storm, Jahrgang 1817, schrieb die Novelle zwischen 1186 und 1888, und bald nach der Fertigstellung seines berühmtesten Werks starb er. 

 

Der Schimmelreiter-Stoff ist trotz oder gerade wegen seiner phantastischen, gruseligen Elemente mit dem – wie wir heute vielleicht sagen würden – Zombie, der auf einem toten Schimmel reitet, ein Stoff der Aufklärung. Aberglauben mit Tieropfern, Pfusch beim Deichbau, der Standesdünkel, wer das Amt des „Deichgrafen“ übernehmen dürfe und wer nicht – überall ist Sozialkritik, Kritik an religiöser Verblendung, Aberglaube und schierer Dummheit herauszulesen, aber auch an der Hybris wissenschaftlich denkender Techniker und Ingenieure. Was für ein aktueller Stoff im Zeichen des Klimawandels, abergläubischer und sich „konservativ“ wähnender „Klima-Skeptiker“ sowie jungen Menschen, die unter dem Motto „Unite behind the science!“ für ihre Zukunft demonstrieren!

 

Theodor Storm konzipierte seinen Schimmelreiter als Novelle. Als Literat war Storm sehr auf die Weiterentwicklung und wissenschaftliche Begleitung der Erzählkunst als Kunstform bedacht. Eine Novelle ist eine Erzählung, in der ein denkwürdiges Ereignis berichtet wird. Die Begebenheit, die uns zu denken geben sollte, wird bei Storm in einer doppelten Rahmenhandlung ausgeführt: Ein in Nordfriesland Reisender verspürt den eisigen Lufthauch des geisterhaften Schimmelreiters auf dem Deich und kehrt in einen Gasthof ein. Dort berichtet ein Erzähler, wie ihm die Geschichte des Schimmelreiters zugetragen worden war.

Deutlicher kann man es dem Leser nicht sagen, dass es jedem, der dies liest, selbst überlassen bleiben muss, sich einen Reim auf die teils unerklärlichen, teils menschlich nur zu gut vertrauten Geschehnisse zu machen. Die Erzählkunst, wie Storm die Leute darzustellen vermag, gilt als Sternstunde des literarischen Realismus.

Der kunstvolle Aufbau der Novelle Storms und die realistische Erzählkunst mit ihren vielfältigen semiotischen Bezügen setzte uns, Lars Scheffel, Claudia Piehl, Enno Johannsen und mir als Team hohe Maßstäbe: Wenn wir den Stoff in die nahe Zukunft transportieren, wenn die Titelheldin sich als Ingenieurin gegen Standesdünkel (in einem „Männerberuf“) durchsetzen muss, und wenn das Genre Musical statt Prosa ist, müssen wir ebenso künstlerisch denken und mit allerlei Kunstgriffen arbeiten, wollen wir uns des Andenkens an Theodor Storm als würdig erweisen. Einen der Kunstgriffe bemerken Sie schnell: Die Namen der Protagonisten verkehren Vor- und Nachnamen ihrer seelenverwandten Figuren im „Schimmelreiter“ – es gibt mehr zu entdecken. Vor allem aber müssen wir unsere Koogmarschensieler so realistisch und lebensnah reden und spielen lassen, dass wir uns in ihnen wiedererkennen.

 

 

Deiche, Sturmflut, Springtide und die Gezeiten

 

„Wer nich will dieken, de mut wieken“ („Wer nicht deichen will, muss weichen“) – der soll sein Haus woanders bauen! Dieser Grundsatz aus dem Stedinger Deichrecht aus dem Jahre 1424 ist allen Schleswig-Holsteiner/inne/n bekannt. Doch vielen bereitet es Probleme, zu erklären, warum es ungefähr zwei mal pro Tag eine Flut und dazwischen jeweils eine Ebbe gibt. Die Erklärung liegt in der Himmelsmechanik und kann einfach mit klassischer Physik erklärt werden – also ohne die Sicht der präziseren Allgemeinen Relativitätstheorie auf die Schwerkraft zu bemühen.

 

 

Himmelsmechanik

Erde und Mond sind durch ihre Schwerkraft (Gravitation) aneinander gebunden und bilden einen gemeinsamen Schwerpunkt. Wenn wir also den Zeitraum, in dem sich der Mond einmal um die Erde dreht, einen Monat nennen, ist damit nicht eine Umkreisung des Erdmittelpunktes gemeint, sondern eine Umkreisung des Schwerpunktes des Systems Erde-Mond. Dieser gedachte Schwerpunkt zieht tief im Erdinnern seine Bahn, ist aber eben nicht der Mittelpunkt der Erde. Auch die Erde bewegt sich einmal im Monat um diesen Schwerpunkt. Würde die Erde nicht einmal pro Tag um ihre eigene Achse rotieren, und wäre sie keine Kugel, sondern ein tiefer Teller mit Suppe, wäre diese Bewegung zu vergleichen mit einem Suppenteller, den man mit der Hand kreisförmig schwenkt, gerade so, dass die Suppe nicht über den Tellerrand schwappt. Aber sie schwappt! Die schwappende Suppe im geschwenkten Teller bildet gleichsam eine Flut aus – eine. Diese beruht auf der Zentrifugalkraft der Schleuderbewegung der Erde um den Schwerpunkt der Gesamtheit „Erde-Mond“.

Die Schwerkraft auf der dem Mond jeweils zugewandten Oberfläche der Erde zieht wiederum in Richtung des Schwerpunkts des Systems Erde-Mond. Dieser liegt zwischen Erdmittelpunkt und Erdoberfläche. Man könnte auch schreiben: Der Mond zieht alles, auch die Wassermassen der Meere, durch seine Schwerkraft an. Die Meere sind also in Richtung Mond „ausgebeult“, das Wasser fließt der ihm zugewandten Seite zu, und es fließt weg, wenn sich der Mond „unten hinter“ statt „oben über“ der Erde befindet. Dieser Umstand bedingt die zweite, etwas schwächere Flut des Tages. Ebbe herrscht also schlicht dort, wo das Wasser weggeflossen ist. 

 

Ein Tag bedeutet aber eine Rotation der Erde um die Achse durch Nord- und Südpol. Die Erde dreht sich also gleichsam einmal am Tag unter ihren beiden Fluten hindurch. Daher gibt es zwei Fluten am Tag – doch nur ungefähr, denn dieser Rhythmus verschiebt sich einmal im Monat, da der Mond und die Erde sich einmal im Monat um ihren Schwerpunkt drehen. Deshalb müssen Gezeitenkalender kompliziert berechnet werden. Die Trägheit der Wassermassen und die Strömungsverhältnisse an Meerengen tun ihr übriges, um das Ausrechnen der Gezeitenkalender zu verkomplizieren.

 

 

Springtide

 

Die Beschreibung mit dem Schwerpunkt von Erde und Mond ist unvollständig, denn alle Himmelskörper wirken mit ihrer Gravitation. Die Sonne wirkt sich also ebenfalls aus und addiert einen weiteren Gezeiteneffekt, wenn Sonne, Mond und Erde ungefähr in einer Achse liegen, also wie bei einer Sonnen- oder Mondfinsternis. Dieser Effekt ist trotz der hohen Masse der Sonne schwächer ausgeprägt, da die Sonne so weit entfernt ist. Er addiert sich aber zu den Gezeiten und tritt alle 14 Tage auf.

 

 

Sturmflut

 

Die Rolle des Windes ist leicht erklärt: Der Wind schiebt das Wasser, wie man an den Wellenbewegungen leicht erkennen kann. Eine Sturmflut entsteht, wenn Windrichtung und Gezeiten sich unheilvoll aufaddieren: Sturm plus Flut ergibt eine besonders hohe Flut – mit Sturm. Die übelste Variante ist naturgemäß die Sturmflut bei Springtide. Wenn ein Sturm wütet, peitscht oft obendrein ein Starkregen.

 

 

Die Erwärmung der Meere

 

Die Erwärmung der Meere trägt mit jedem Zehntel-Grad zum Schmelzen der Eismassen an den Polkappen und den Gletschern bei. Der mittlere Meeresspiegel steigt also. Die Erwärmung der Meere heizt aber auch die Klima-Maschine an, so dass mehr Energie in die Atmosphäre gelangt. Die Luft lädt sich mehr mit Wasser auf, kann also mehr abregnen, und stärkere und größere Tief- und Hochdruckgebiete bilden sich aus, an deren Rändern die Windgeschwindigkeiten extremer werden. Insofern sich dabei Höhenströmungen wie der Jet Stream verlangsamen, wandern diese Hoch- und Tiefdruckgebiete langsamer, wirken also länger auf das Meer oder das Land unter ihnen ein. 

 

Insofern haben wir zu Zeiten eines zunehmenden Treibhauseffekts einen steigenden mittleren Meeresspiegel bei mehr Regen bei stärkeren Stürmen zu erwarten. Und diese werden früher oder später zeitgleich mit einer Springtide und einer Flut auftreten.

 

Jan-Friedrich Conrad